Mittwoch, 23. Mai 2012

Es wird eng für das G8-Versprechen, den Hunger zu bekämpfen

von Marwin Meier
Gerade wurde der neue Rechenschaftsbericht der G8 von den USA veröffentlicht. Dieser Report soll transparent darstellen, wie die G8 ihren Versprechen nachkommen. Gespannt wurden natürlich die Versprechen zur 2009 im italienische l’Aquila verabschiedeten Initiative zur Ernährungssicherung erwartet. 22 Mrd. US-Dollar wurden damals allein von den G8 versprochen und zwar bis Ende 2012.Die Zahlen sind ernüchternd. Bis heute, also sieben Monate vor Ende der Frist, wurden gerade einmal 58% der zugesagten Mittel tatsächlich ausgezahlt. Dabei verstecken sich die G8 in ihrem eigenen Bericht hinter allen Gebern dieser Initiative. Der G8 Bericht ist also kein Bericht darüber, was die G8 gemacht haben, sondern was alle Geber der Initiative eingezahlt haben. Das ist keine Rechenschaft wie ich sie mir wünsche.

Nach eigenen Aussagen wird Deutschland das l’Aquila Versprechen halten. Aber wir sollten uns nicht zu früh freuen. Das Kleingedruckte gibt wenig Anlass zu Stolz: Erstens waren von Anfang an leider nur eine der von Deutschland zugesagten drei Milliarden US-Dollar tatsächlich “frische” Gelder, d.h. der Rest war schon vorher eingeplant. Zweitens wurden Deutschlands Mittel nicht dem sinkenden Dollarkurs angepasst. Nur mit dem drei Jahre alten Umtauschkurs von 2009 schaffen wir es, unser Wort zu halten. Drittens gehen schätzungsweise nur ein Siebtel der Mittel tatsächlich direkt in den landwirtschaftlichen Bereich. Auch wenn indirekte Förderung wichtig ist, eine Umetikettierung in diesem Umfang hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

G8-typisch werden die Hungernden und Notleidenden der Welt ins Rampenlicht gezerrt und publikumswirksam neben die StaatslenkerInnen der acht stärksten Wirtschaftsmächte dieser Welt gestellt. Wer aber an der Oberfläche des schönen Selbstportraits kratzt, findet wenig Grund zu glauben, dass hier ernsthaft versucht wird, die Welt so zu gestalten, dass sie für alle Bewohner ein besserer Ort wird. Wollen es die G20 nicht mal besser machen? In einem Monat, beim G20-Gipfel, haben sie dazu die Chance!

Montag, 14. Mai 2012

"Grüne Revolution" in Afghanistan

Die Welt schaut wieder nach Afghanistan: Während Präsident Barack Obama das krisengeschüttelte Land besucht und über seine Zukunftsvisionen gesprochen hat, ist der Geschäftsführer von World Vision UK Justin Byworth nach Afghanistan gereist.
Für den Rest der Welt wird Afghanistan unmittelbar mit Konflikten und einer labilen Sicherheitslage in Verbindung gebracht. Doch nach nur drei Tagen meines Aufenthalts zeigt sich ein anderes Bild von Afghanistan: Ein Ort von unglaublicher Geschichtsträchtigkeit, spektakulärer, wunderschöner Natur und außergewöhnlichen Menschen. Moscheen, Zitadellen und die Spuren von Djinghis Khan und Alexander der Große schmücken das Land ebenso wie Blumenfelder und sanfte, grüne Täler, in denen Pfirsiche und Pistazien blühen. Auf der anderen Seite stehen die großen Herausforderungen, Kinder in die Schule zu bringen, Frauen den Männern gleichzustellen und junge Menschen vor Menschenhandel zu schützen. Das sind die Bilder, die wir auf unserer Reise von der hektischen Stadt auf das ruhige Land wahrnehmen.

Ich schreibe in dem dunklen, stillen Gästehaus in dieser kleinen, staubigen Provinzstadt, in welcher der Stromgenerator in der Nacht ausgeschaltet wird. Draußen sieht man nur wenige Frauen, und diese sind komplett verschleiert. Weit mehr Turbane und Bärte sind zu sehen – in der Stadt, die ein Kollege als die Hauptstadt der Bärte bezeichnet. Die Gesichter sind unterschiedlicher als anderswo: Paschtunen, Tadschiken, Turkmenen, Usbeken und die nomadischen Kuchis. Während wir durch die windigen, holprigen Straßen gehen, kommen wir an mit Teppichen gesattelten Pferden, Eseln, Motorrädern und Bergen von Wolle und Plastikflaschen vorbei. Weiden von Gräsern und Mohnblumen umgeben uns bei unserer Fahrt hinaus aus der Stadt, in einer nur drei Monate dauernden Zeit zwischen der eisigen Kälte des Winters und der sengenden Hitze des Sommers.

Das Leben auf dem Land ist hart. Wir sehen Dörfer aus Häusern mit schmutzigen Ziegeln, in denen Esel die kurzzeitig fruchtbaren Felder pflügen und Kinder zwei Stunden oder noch länger gehen, um Wasser aus dem Fluss zu ihren Häusern zu bringen. Den Großteil der letzten Jahre gab es Dürre, zwischenzeitlich jedoch auch Überflutungen. Shura, der Vorsitzende des örtlichen Rates, sagt mir, dass es hier nicht genügend Arbeit gebe und deshalb die jungen Menschen abwandern.

World Vision arbeitet hier seit Jahren. „World Vision führt in dieser Region die grüne Revolution – es wachsen Obstbäume, Sojabohnen, Safran- und Pistanzienbäume“, erzählt mir ein Kollege, der mich begleitet. Er sagt, dass es ein „vergessener Ort“ sei. „Es braucht Zeit, bis uns die Gemeinden kennen und vertrauen lernen. Doch nun sind wir Freunde, und vieles ist bereits geschehen.“
Wir begegnen Habib, der uns stolz sein Feld junger Pistazienbäume zeigt. „Das wird uns eine große Chance für meine Familie bringen. Die Bäume sind trockenresistent, und wir können wir in den nächsten zweihundert Jahren Pistazien haben.“

Der örtliche Shura-Führer hat mich zu meiner ersten Tasse Tee in seinem typisch afghanischen Haus eingeladen. Ergriffen höre ich Mohamed zu, der uns die Geschichte seiner Familie und Gemeinde erzählt. Er hofft, dass sechs seiner sieben Töchter Ärzte oder Lehrer werden. Er beschreibt anschaulich die Falle, in die 16- und 17jährige Burschen tappen, wenn Menschenhändler ihnen Arbeit im Iran versprechen, wo sie häufig in Drogenabhängigkeit verfallen. Als Mohamed World Vision für die Unterstützung gedankt hat, lädt er uns ein zu übernachten. Mohamed scheint meine Gedanken lesen zu können: „Sie werden hier sicher sein. 4.000 Menschen stehen hinter mir, und niemand kann Ihnen ein Leid zufügen.“

Lesen Sie mehr aus dem Blog von Justin Byworth:http://blog.worldvision.org.uk/category/highs-and-lows-of-afghanistan/

Wenn Sie eine Übersetzung eines Blog-Beitrages möchten, können Sie sich gerne an uns wenden! office@worldvision.at.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Giganten der Hoffnung

Meine Reise in die Hungerzone war bedrückend und berührend: Die Menschen blicken zwar in den Abgrund - geben aber nicht auf.

Ich habe ein schlechtes Gefühl, als ich zum Flughafen fahre. In wenigen Stunden werde ich mitten im euopäischen Wohlstand landen. Die Menschen in Niger müssen bleiben. Viele haben wegen der Missernte (in Folge der Dürre) jetzt schon keine Vorräte mehr, bei anderen gehen sie in zwei, drei Wochen zu Ende. In der gesamten Sahelzone sind 15 bis 20 Millionen Menschen betroffen.
Ich sah Mütter, die derart ausgezehrt sind, dass sie ihre Säuglinge nicht mehr stillen können. Ich sah Einjährige, die das Gewicht eines viermonatigen Babys hatten. Ich sah Dörfer, in denen es keine mehr Männer gab - die waren alle nach Nigeria ausgezogen, um einen Job zu finden und ihre Familien durchzubringen.
Ich sah aber auch eine querschnittgelähmte Bettlerin, die das Sandwich, das sie von uns bekam, sofort mit anderen teilte. Ich sah Frauen und Männer, die unter der sengenden Sonne Afrikas bei 44 Grad Straßen befestigen - für zwei Dollar Lohn pro Tag. Ich sah Familien, die sich mit aller Kraft gegen die Widrigkeiten der Natur stemmen und sich dem Überlebenskampf stellen. Und ich sah mutige Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die mit vollem Engagement versuchen, das Schlimmste abzuwenden.
All diese Menschen haben meinen höchsten Respekt. Ich bewundere sie, diese Giganten der Hoffnung.

Walter Friedl, Kurier
Lesen Sie den Blog im Kurier

Montag, 23. April 2012

Die kleine Nana hat ein Recht auf Leben

Die Hunger-Katastrophe in Niger setzt vor allem den Schwächsten zu. Viele Säuglinge sind unterernährt. Doch ihre Mütter kämpfen um sie, unterstützt von Hilfsorganisationen.

Schreiend hängt das Kind in der Trage-Vorrichtung der Waage, die an einem Ast eines Baumes befestigt ist. Schon bei 4,3 Kilogramm pendelt sich der Zeiger ein. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn der Säugling drei, vier Monate alt wäre. Doch Nana wird in 30 Tagen ein Jahr alt. Normalerweise wiegen die Kleinen zu diesem Zeitpunkt zwischen sechs und sieben Kilogramm. Die einzige Überlebenschance für Nana ist der Gesundheitsstützpunkt, den World Vision hier im wüstenähnlichen Südens von Niger betreibt, in der Region Maradi.

Alle zwei Wochen kommen die Mütter mit ihren unterernährten Kindern in die Station, schwere Fälle müssen jede Woche zur Kontrolle. Den Babys wird ein Erdnuss-Brei, angereichert mit Vitaminen, verabreicht. Jedes der kleinen, nur 100 Gramm schweren Säckchen hat 500 Kalorien. Das Zeug schmeckt echt grauslich, ich habe es probiert. Aber die Säuglinge schlecken es schnell von den Fingern ihrer Mütter, von denen viele so ausgezehrt sind, dass sie keine Milch zum Stillen mehr haben.
Durch die schlechte Ernte des Vorjahres und die anhaltende Dürre sind längst alle Vorräte aufgebraucht. Ich gehe nach der Abwage ihres Kindes und der Ausgabe einer Mischung von Maismehl und Sojaöl mit Karima Nouhou, 30, in ihr kleines Dorf. Tief sinken die Schritte in den Sandboden ein, der Weg ist beschwerlich. Nur ein paar Büsche und Bäume trotzen der Dürre. Sieben Kilometer sind es bis zu ihrer Hütte, neben der noch weitere sieben stehen: Jeweils rund zehn Quadratmeter, darum eine niedrige Lehmmauer, darauf ein Strohdach - für neun Personen, im Schnitt. Alle Männer sind weg, ausgezogen ins nahe Nigeria, auf der Suche nach Arbeit, um die Familien zu ernähren.

Karima Nouhou hat fünf Kinder. Und sie hat fast keine Vorräte mehr. Für zwei, drei Wochen reichen sie vielleicht noch. Karima rührt Sorghum (eine Art Mais) mit Wasser an. Das Ganze wird dann zu einem Brei verkocht, ein Mal pro Tag, mehr geht nicht mehr. Wenn der Mann nicht bald kommt oder zumindest Geld schickt, ist es aus, sagt sie. Aber sie glaubt an ihn. Es bleibt ihr auch nichts anderes übrig. Die Szenerie hat für mich etwas von einem Todesurteil mit definiertem Exekutionsdatum.
Wie würde ich damit umgehen, frage ich mich ständig? Ich weiß es schlicht nicht. Und in Wahrheit will ich es mir auch nicht vorstellen, dass meine Familie in zwei Wochen nichts mehr zu essen hat. Da werden dann unsere Probleme des Alltags plötzlich so zwergenhaft klein. Es ist bewundernswert, wie die Menschen mit der Dramatik der Lage umgehen. Mit welcher Zähigkeit sie dem scheinbar Unausweichlichem trotzen. Und mit welcher Hoffnung sie der nächsten Regenzeit entgegengehen. Im Juni soll sie kommen. Doch selbst wenn der so heiß ersehnte Regen die Saat aufgehen lässt (die meisten haben ihr Saatgut freilich längst aufgegessen), müssen die Familien bis zur nächsten Ernte "durchgefüttert" werden. Es ist ihnen zu wünschen, dass sie es schaffen.

Walter Friedl, Kurier

Lesen Sie den Blog im Kurier: http://kurier.at/interaktiv/blog/1881-ueberlebenskampf-im-sahel

Mein Trip in die Hungerzone

Ostermontag also. Da beginnt meine Reise in die Sahelzone, in der sich derzeit eine riesige Hunger-Katastrophe abspielt. Ich werde wohl viel Leid sehen, aber auch Zeichen der Hoffnung.

Das westafrikanische Land Niger ist so etwas wie ein blinder Fleck auf der Weltkarte. Im Normalfall kommen kaum Journalisten-Berichte von dort, der Wikipedia-Eintrag umfasst gerade einmal 13 Seiten. Und von den wenigen Bildern, die über Agenturen kommen, stammen mehr als 80 Prozent aus dem Sportbereich. Zuletzt schaffte es Niger doch in die Schlagzeilen. Weil dort nach einer verheerenden Dürre Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Insgesamt sind in der Sahelzone acht Länder betroffen und zwischen 15 und 20 Millionen Menschen. Hilfsorganisationen weisen seit Monaten auf die Katastrophe hin, passiert ist - fast - nichts. Ich reise jetzt mit World Vision Österreich nach Niger, um mir selbst ein Bild machen zu können. Ich war schon viele Male in fast allen Regionen Afrikas. Ich sah Menschen, die nicht viel hatten, aber mit Entwicklungshilfe-Programmen doch einigermaßen über die Runden kamen. Manche hatten es sogar zu bescheidenem Wohlstand gebracht.
Jetzt aber wird es ganz anders sein. Ich werde Familien treffen, die alles verloren haben: Ihre Herde, verendet wegen Wassermangels, ihr Heim. Manche werden wohl auch ihre Hoffnung veloren haben. Ich werde bis auf die Knochen abgemagerte Kinder sehen, die mich geborgen in den Armen ihrer Mütter apathisch anschauen werden. Das sind dann die Momente, in denen auch hartgesottene Journalisten feuchte Augen bekommen. Ich werde aber auch Helfer bei ihren bewundernswerten Aufgaben beobachten können. Sie können nicht alle retten, aber wie heißt der alte Spruch: Wer nur ein Leben rettet, rettet die Welt.

Walter Friedl, Kurier

42 Grad im "Backofen" von Niger

Hitze und Dürre halten das Land weiter fest im Griff. Millionen Menschen haben zu wenig zu essen und drohen zu verhungern. Und nach der Revolte im benachbarten Mali sollen Islamisten eingesickert sein.

Landeanflug auf Niamey, die Hauptstadt des Niger. Schon in 1000 Metern über dem Boden zeigt das Außenthermometer des Flugzeuges 33 Grad, am Airport sind es dann satte 42. Jede kleinste Bewegung gerät zur schweißtreibenden Qual. Selbst in der Nacht kühlt es nur unmerklich ab. Tagsüber liegt ein seltsam rötlicher Schleier über der Stadt. Es ist die pulverisierte Erde, auf die seit Monaten kein Tropfen Regen mehr gefallen ist, die getragen vom leichten Wind die heiße Luft verfärbt. Trotz der Hitze herrscht geschäftiges Treiben in Niamey. Zwischen die vielen Mopeds und Autos schiebt sich dann und wann auch ein Kamel, beladen mit Stroh.
Das Homeland-Hotel, in dem Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision und ich untergebracht sind, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Im Swimming-Pool verfault das Wasser. Die Zimmer sind aber sauber. Und wir haben das kostbarste Gut in dieser staubtrockenen Gegend: Wasser. Genau das fehlt den meisten hier. Die anhaltende Dürre und die miese Ernte nach der vergangenen Regenzeit, die viel zu wenig von dem Lebenselexier gebracht hat, hat für die Menschen verheerende Auswirkungen. Allein in Niger sind neun Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. In der Sahelzone sind es zwischen 15 und 20 Millionen - vom Senegal über Mali, das gerade in den politischen Abgrund blickt, bis nach Nordnigeria. World Vision Österreich ist seit Jahren in Niger engagiert. Doch zuletzt wurde die Arbeit immer schwieriger. Denn in der Grenzregion zu Mali sind rund 25.000 Flüchtlinge zu versorgen.
Das geschieht aber nur noch unter massivem Militärschutz. In dem Gebiet im äußersten Westen Nigers gilt die zweithöchste Alarmstufe. Denn angeblich sind auch Radikal-Islamisten eingesickert, die in Mali gemeinsame Sache mit dem stolzen Wüstenvolk der Tuareg gemacht haben. Ein eigener Staat im Norden wurde ausgerufen. Und das beunruhigt die Regierung in Niamey, denn auch in Niger gibt es viele Tuareg, die schon öfter den Aufstand gegen die Zentralgewalt geprobt haben. Der breiten Masse der Bevölkerung sind diese politischen Ränkespiele fremd und egal. Ihre Kraft richtete sich auf den täglichen Überlebenskampf, und der ist hart genug. Wenn sie dabei nicht internationale Unterstützung erhielten, wären sie wohl dem Tod geweiht. Denn die nächste Ernte ist erst im Herbst zu erwarten - wenn denn die bevorstehende Regenzeit (ab Juli) nicht wieder auslässt.
World Vision Österreich bittet dringend um Spenden: PSK 90 890 000, BLZ 60 000 Kennwort: Hungersnot in Westafrika

Walter Friedl, Kurier

Donnerstag, 19. April 2012

Ohne Frühstück in der Schule

Heute geht es 150 Kilometer nordwestlich von Niamey. Hier sieht die Landschaft schon wüstenhaft aus. Die Bäume sind verdorrt, es ist staubig und die wenigen Wasserlöcher, die ich unterwegs sehe, enthalten braungefärbtes Wasser. Daraus schöpfen die Menschen mit ihren Kanistern Trinkwasser.

In einem abgelegenen Dorf treffe ich Kinder, die mir berichten, dass sie morgens ohne Essen zur Schule gehen. Ihr Hungergefühl hält den ganzen Tag über an. Nur abends gibt es eine kleine Mahlzeit. Ein Mädchen erzählt mir, dass sie manchmal so hungrig ist, dass ihr der Bauch weh tut und sie gar nicht erst aufstehen kann. Dann möchte sie auch mit niemandem sprechen und fühlt sich ganz einsam.
In Europa haben wir auch manchmal "Bauchschmerzen". Dann aber wohl eher, weil wir zu viel gegessen haben. Solche „Probleme“ hätten die Kinder in Niger wohl auch gerne.

Dienstag, 17. April 2012

Innovative Landwirtschaftsprojekte als Schlüssel zur Bekämpfung des Hungers

Bauer Bongua erklärt das System der "konservierenden" Landwirtschaft

Im Vorfeld der „Beeting Famine“ Konferenz in Nairobi haben wir heute zwei Bauern besucht, die „konservierende“ Landwirtschaft betreiben.
Eigentlich hätte es heute in Strömen regnen sollen, da seit März Regenzeit ist, aber es war heiß und die Sonne schien – für unseren Projektbesuch von Vorteil, aber für die Natur in Kenia eine Katastrophe. Afrika hat am wenigsten zum Klimawandel beigetragen, wird aber am meisten darunter zu leiden haben. Konferenzteilnehmer aus Kenia erzählten mir, dass die Auswirkungen des Klimawandels in ihrem Land bereits stark zu spüren seien. Die Regenzeiten setzten immer später ein und es regnete lange nicht mehr so stark wie in früheren Jahren.

Umso wichtiger sind innovative Landwirtschaftsprojekte. Die Methode der „konservierenden“ Landwirtschaft könnte ein Weg sein, um höhere Erträge zu erzielen.
Bauer Bongua und seine Frau erklärten uns stolz, wie sich ihr Leben seit Anwendung der Methode geändert habe. Vor 4 Jahren stellte Bongua den Ackerbau um. Seit der Zeit haben sich die Erträge erheblich verbessert. Er macht sich nicht mehr so viele Sorgen und er konnte zu seinen 2 Kühen drei weitere hinzukaufen. Mit dem Dung der Tiere betreibt er eine Biogasanlage. Bäuerin Bongua braucht daher kein Holz mehr zum Kochen. Die Biogasanlage liefert Licht und in kalten Nächten Wärme. Auch für die Aufzucht von Hühnern ist die Anlage nützlich.
Ziel der Konservierungs-Methode ist, die Acker-Krume so wenig wie möglich zu verletzen. Die alten Pflanzenreste verbleiben im Boden und dienen so als Dünger und verstärken durch den Verwesungsprozess die Acker-Krume.
Bei der Fruchtfolge gibt es ein rotierendes System. Bei jeder Aussaat werden neue Pflanzen angebaut. So bleibt der Boden fruchtbar und die Feuchtigkeit im Boden. Ohne diese Methode würden angesichts der mageren Regenfälle viele Pflanzen nicht gedeihen.
Doch die Menschen in Afrika brauchen Unterstützung. Sie müssen trainiert und geschult werden und dabei können und sollten die Industrieländer helfen. Denn sie sind schließlich die Hauptverursacher des Klimawandels.
World Vision beschäftigt in den Entwicklungsländern viele Experten aus den verschiedensten Bereichen. Wissen weiter zu geben ist eine der Hauptaufgaben unserer Kollegen.
Helfen auch Sie bei der Hilfe zur Selbsthilfe.
Von unserer Kollegin Silvia Holten

Afrika: Ein Kontinent soll erblühen

Noch gut kann ich mich daran erinnern, als ich das erste Mal afrikanischen Boden betrat. Es war in Malawi und ich war zutiefst beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, als würde ich nach Hause kommen. Die Wärme, die rote Erde und die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit der Menschen berührten mich zutiefst. Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, in der Wissenschaftler genetisch nachwiesen, dass alle Menschen von ein und demselben Stamm in Namibia abstammen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber vielleicht ist es möglich, denn noch nie hatte ich bei einer Auslandsreise dieses vertraute Gefühl.
Seit dieser Zeit lassen mich Afrika, die Menschen dort und insbesondere die Kinder nicht mehr los. Leider ist die Berichterstattung über afrikanische Länder immer noch eher negativ. Dabei gibt es so viel Positives zu berichten. Die Menschen und insbesondere die Kinder sind trotz oft unglaublicher Armut von solch einer überschwänglichen Lebensfreude, dass man gar nicht anders kann, als mit zu machen. In Sierra Leone haben wir eine Frauengruppe besucht, die dabei war, Spezialnahrung für unterernährte Kinder herzustellen und plötzlich fanden sich die Frauen in einer Gruppe zusammen und tanzten durch das Dorf. Jeder der in der Nähe stand, musste mit tanzen. Ich auch.

Keine Scheu vor Fremden

Kinder, denen ich begegnete, nahmen wie selbstverständlich meine Hand, gingen ein Stück des Weges mit mir und strahlten mich ohne Scheu an.
Herausragend ist auch die Kultur. Selten habe ich so farbenfrohe Bilder und Kleider gesehen. Die Landschaft ist von einer Vielfalt und Schönheit, dass es mir oft den Atem nimmt.
Europa ist der Nachbarkontinent zu Afrika und wir sollten uns verpflichtet fühlen, diesem Kontinent und seinen wunderbaren Menschen zu helfen. Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision ist schon seit vielen Jahren in mehreren afrikanischen Ländern mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit aktiv. Hierbei wird besonders darauf geachtet, dass die Menschen, mit denen wir arbeiten, von Anfang an in alle Maßnahmen und Planungen intensiv einbezogen sind, damit sie später die Projektarbeit selbständig weiter führen können.

Bauern müssen massiv unterstützt werden


Ein wichtiger Bereich bei der Projektarbeit ist die Förderung von Kleinbauern und der Landwirtschaft. Nur durch die massive Unterstützung von Bauern kann es mittel- und langfristig gelingen, dass die Menschen und Kinder genug zu essen haben und aus dem immer wieder kehrenden Rhythmus von Dürren und Hungerkatastrophen heraus kommen. Seit Ende der 80er Jahre hat ein Kollege von mir, Tony Rinaudo eine Methode der Renaturierung wieder entdeckt, die sich „farmer managed natural regeneration“ (FMNR) nennt, also sinngemäß „von Bauern durchgeführte natürliche Regeneration“. Erste Experimente führte Tony in Niger durch und erzielte damit große Erfolge. Bei FMNR geht es um eine natürliche Wiederaufforstungsmethode. So wird beispielsweise der Boden von landwirtschaftlichen Flächen untersucht, ob es dort noch pflanzliche Triebe oder Baumstümpfe gibt, aus denen neue Bäume wachsen könnten. Mit Unterstützung der Gemeinden werden diese Flächen dann wieder begrünt. Es sollen so viele Baumstämme stehen bleiben wie möglich ist, um noch Ackerbau durchführen zu können.
Die Methode ist schnell, preiswert und effektiv. Die ausgewachsenen Bäume spenden Schatten, die Äste können in Dürrezeiten als Feuerholz verwendet werden und vereinzelte Bäume als Bauholz. Außerdem zeigte sich in Gebieten, wo FMNR angewandt wurde, dass der Grundwasserspiegel wieder stieg und sich das Mikroklima änderte. Vögel und Tiere, die verschwunden waren, kamen zurück und in der Folge wuchsen neue Bäume und Nutzpflanzen durch den verbreiteten Samen. Auch die Erträge auf den Äckern waren erheblich besser, als zuvor.

Gemeinsam ein grünes Afrika schaffen


Vom 10. – 13. April gibt es in Nairobi eine Konferenz, an der ich teilnehmen werde und auf der viele alternative Projekte zur Wiederbegrünung Afrikas präsentiert werden sollen. Mehr als 130 Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen und Medien haben sich inzwischen angemeldet, um zu diskutieren, was getan werden kann, um Afrika aus dem Kreislauf der Hungerkrisen heraus zu holen. Denn eins ist klar: Die afrikanischen Länder werden in Zukunft am Schlimmsten unter dem Klimawandel zu leiden haben, auch wenn sie am Wenigsten dazu beigesteuert haben.
Ich hoffe sehr, dass von der Konferenz ein großes Signal ausgeht, das sie Impuls für eine breite Initiative ist, um Afrika wieder zu begrünen. Das Ziel ist: Alle Menschen sollen genug zu essen und zu trinken und die Chance auf ein erfülltes Leben haben.

Von unserer Kollegin Silvia Holten

Montag, 16. April 2012

Unterernährte Kinder in Maradi

Mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen geht es heute nach Maradi. Die Stadt liegt an der Grenze zu Nigeria. Überall am Straßenrand sieht man Marktstände, auf denen abgefüllte 1-Liter Flaschen zum Verlauf angeboten werden. Nein, hier wird kein Sahel-Wein verkauft, sondern aus Nigeria eingeschmuggeltes Benzin. Es scheint ein lukratives Geschäft zu sein. Der Liter-Preis ist mit Fr 1,-- bis Fr 1.20 rund ¼ günstiger als an der normalen Tankstelle. Trotzdem für hiesige Verhältnisse teuer genug.

Karima wartet auf Nahrung
Im Gesundheitszentrum Mayara sind zurzeit fast 2.600 Kleinkinder registriert, die mangel- oder unterernährt sind. Das Gesundheitspersonal verteilt nachdem die Kinder, gewogen, gemessen und untersucht worden sind, Essensrationen für eine Woche. Dann müssen sie wieder hierher kommen. Wie der zuständige Food-Manager erklärt, fehlt es in den umliegenden Dörfern bei den Müttern an Einsicht. Meistens wenden sie sich erst an das Gesundheitspersonal, wenn bei den Kindern bereits Schädigungen oder schwere Krankheiten aufgetreten sind.

Auch Karima erhält heute für ihr 2-jähriges Kind die angereicherte Erdnusspaste „Plumpy-Nut“. Ihr Dorf liegt sieben Kilometer von der Gesundheitsstation entfernt. In der Hitze ist der Fußweg auf sandigem Boden – zumindest für einen Europäer – ziemlich anstrengend. Karima erzählt mir im Interview, dass alle Männer im Dorf vor Monaten weggegangen sind, um Nahrung zu finden. Zurückgeblieben sind die Frauen aus acht Familien mit ihren Kindern. Die Essensvorräte reichen noch zwei bis drei Wochen. Wenn bis dann die Männer nicht zurückkehren, haben wir ein Problem, so die fünffache Mutter. Obwohl es schon später Nachmittag ist und sie bereits einen langen Fußmarsch zum Gesundheitszentrum hinter sich hat, hat sie heute noch nichts gegessen.

Endlich bringt ihr eine Nachbarsfrau aus dem Dorf eine mit Flüssigkeit gefüllte große Schale. Die zähflüssige Brühe besteht aus Maismehl und Wasser. Besonders nahrhaft ist das nicht. Aber es ist das einzige, was es derzeit in dieser Region zu essen gibt.

Im Flüchtlingscamp aus Stoffresten und Kartonagen

Wir sind unterwegs zu einem Camp in der Vorstadt von Niamey. Etwa 250 Familien sind hierhergekommen, in der Hoffnung in der Hauptstadt Nigers eine bessere Versorgungslage vorzufinden. Viele haben in den Heimatdörfern außerhalb der Stadt ihre ohnehin schon reduzierten Viehbestände zurückgelassen. Als ihre Essensvorräte sich dem Ende näherten, sahen sie die einzige Chance in der Landflucht. Doch in der Stadt droht den Menschen die Verslumung. Die Hütten sind behelfsmässig mit Stoffresten, Lehm und Kartonagen an den Ästen befestigt. Es fehlt an sanitären Anlagen. Entsprechend stinkt es und man muss schauen, wohin man tritt.... Die vielen Kinder haben keine Möglichkeit zur Schule zu gehen. Und die Aussichten Geld für Essen zu verdienen sind aussichtlos. Der Traum von einem besseren Leben in der Stadt ist hier definitiv nicht realisierbar.